Ein Pressespiegel ist eine Auswahl. Jemand liest für andere und entscheidet, was sie heute wissen müssen. Daran hat sich in fast 150 Jahren nichts geändert. Geändert hat sich das Werkzeug: Früher war es die Schere, heute kommt die KI dazu. Beide machen die Arbeit schneller. Die Entscheidung trifft keine von beiden. Damit das so bleibt, braucht es keine Grundsatzdebatte, sondern ein paar klare Mechanismen.
Was hat die Schere entschieden?
Nichts. Sie hat ausgeführt, was ein Mensch vorher markiert hatte. 1879 gründete Alfred Chérié in Paris L'Argus de la presse (öffnet in neuem Tab), eines der ersten Ausschnittbüros. Dort lasen Menschen Zeitungen, markierten, schnitten aus und sortierten. Wie groß dieses Handwerk wurde, zeigt ein Bericht des Time Magazine von 1932 (öffnet in neuem Tab): Das New Yorker Büro Henry Romeike hatte einer einzigen Kommission seit Jahresbeginn 76.203 Ausschnitte geliefert, 39.771 davon allein im Februar. Hinter jedem einzelnen stand jemand, der den Artikel gelesen und für wichtig befunden hatte.
Kopierer, Fax und später das PDF machten den Pressespiegel schneller. 2008 gründete Oliver Range, heute Geschäftsführer von auraNexus.ai, in Düsseldorf altares Mediamonitoring, später bekannt als Die Medialysten. Blogs, Foren und die ersten sozialen Netzwerke erzeugten damals mehr Text, als eine Redaktion lesen konnte, und Software übernahm das Sammeln. Ihre Grenze zeigte sich schnell. Sie konnte zählen, aber nicht gewichten. Ein einzelner kritischer Leitartikel kann wichtiger sein als hundert beiläufige Nennungen. Wie sich die Bewertung von Medienberichten über die Jahre verschoben hat, haben wir in einem früheren Beitrag zu den drei Epochen der Medienbeobachtung beschrieben.
Sprachmodelle können heute deutlich mehr als zählen. Sie erkennen Dubletten, ordnen Themen zu, schlagen eine Tonalität vor, fassen zusammen und übersetzen. Gerade weil sie so viel können, kommt es darauf an, wie man sie einsetzt.
Welche Mechanismen halten den Menschen in der Verantwortung?
Sieben Punkte haben sich in der Praxis der Medienbeobachtung als tragfähig erwiesen. Keiner davon ist technisch kompliziert. Alle setzen voraus, dass jemand sie bewusst festlegt.
1. Erst die Rechte klären, dann die Technik einsetzen
Ein Sprachmodell fasst jeden Text zusammen, den man ihm gibt. Ob es das darf, steht nicht in der Technik, sondern in den Nutzungsrechten. Zusammenfassen, Übersetzen und Analysieren mit KI sind eigene Nutzungen, die eine Lizenz ausdrücklich abdecken muss. Der Pressespiegelparagraf, § 49 des Urheberrechtsgesetzes (öffnet in neuem Tab), zieht schon für den klassischen Pressespiegel enge Grenzen. Auch frei zugängliche Online-Texte sind nicht automatisch frei nutzbar: Die gesetzliche Erlaubnis zum Text und Data Mining (öffnet in neuem Tab) greift nur, solange der Rechteinhaber keinen Nutzungsvorbehalt erklärt hat. Die erste Frage lautet deshalb immer: Welche Rechte haben wir an diesem Text?
2. Datenwege festlegen und dokumentieren
Für jede Art von Inhalt sollte feststehen, welcher KI-Anbieter ihn verarbeiten darf, und zwar vorab und schriftlich. Dazu gehört eine unbequeme Regel: Fällt der vorgesehene Anbieter aus, springt nicht still ein anderer ein. Der Arbeitsschritt bleibt dann liegen, bis der festgelegte Weg wieder funktioniert. Das kostet im Ernstfall Zeit. Dafür kann man jederzeit sagen, welcher Text wohin gegangen ist.
3. KI-Vorschläge kennzeichnen
Wer einen Pressespiegel prüft, muss sehen können, was ein Mensch eingeordnet hat und was eine Maschine vorgeschlagen hat. Eine sichtbare Kennzeichnung jeder KI-Zuordnung kostet wenig und verhindert, dass ein Vorschlag stillschweigend zur Tatsache wird.
4. Jeden Vorschlag überstimmbar machen
Ein Vorschlag, den niemand ändern kann, ist eine Entscheidung. Themen, Tonalität und Relevanz müssen sich deshalb mit einem Klick korrigieren lassen. Besonders bei der Tonalität: Ironie, ein Seitenhieb im vorletzten Absatz oder ein Zitat, das der Autor erkennbar nicht teilt, bringen Modelle bis heute regelmäßig durcheinander. Bei kritischer oder mehrdeutiger Berichterstattung gehört die Einordnung gegengelesen.
5. Auswahl und Reihenfolge bleiben bei Menschen
Welche Beiträge in den Pressespiegel kommen, in welcher Reihenfolge sie stehen und was fehlt, entscheidet die Redaktion. Das ist mehr als eine Formalie. Ein Beispiel: Eine Pressestelle verschickt ihren Pressespiegel morgens an die Leitung. Ein kritischer Bericht in einer Regionalzeitung erreicht vielleicht nur eine kleine Auflage. Für das Haus kann er trotzdem der wichtigste Artikel des Tages sein, weil am Nachmittag ein Termin genau zu diesem Thema ansteht. Diesen Zusammenhang erkennt, wer das Haus kennt. Eine Relevanzbewertung nach Reichweite würde den Bericht weit nach unten sortieren. Deshalb gilt auch: Eine Vorsortierung durch KI darf nicht bestimmen, was Redakteure überhaupt zu sehen bekommen.
6. Schatten-KI ernst nehmen, statt sie zu verbieten
Nach einer repräsentativen Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft vom September 2026 (öffnet in neuem Tab) nutzen 29,1 Prozent der Beschäftigten, die KI beruflich einsetzen, Werkzeuge, die ihr Arbeitgeber nicht bereitgestellt hat. In Betrieben mit weniger als 50 Beschäftigten sind es 33,5 Prozent. Wo Arbeitgeber den Aufbau von KI-Kompetenzen stark fördern, liegt der Anteil bei 44,5 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie dort, wo keine Förderung wahrgenommen wird (21,3 Prozent). Die Menschen wollen mit KI arbeiten. Das offizielle Angebot hält oft nicht Schritt.
Beim Pressespiegel ist der heikle Moment leicht vorstellbar. Es ist kurz vor acht, die Leitung wartet, und jemand kopiert einen langen Artikel in ein privates Chatbot-Konto, um schnell eine Zusammenfassung zu bekommen. Damit verlässt ein Text die Organisation, für den es diese Nutzungsrechte womöglich gar nicht gibt. Gut gemeint, schnell erledigt, und entschieden hat es niemand. Verbote lösen das kaum, auch das IW rät davon ab. Es empfiehlt Kompetenzaufbau, datenschutzkonforme Werkzeuge und klare, kommunizierte Regeln. Für den Pressespiegel heißt das: festlegen, welche Texte in welche Werkzeuge dürfen, und ein Werkzeug bereitstellen, das sich daran hält.
7. Verantwortung einem Namen zuordnen
Am Ende muss jemand für den Pressespiegel geradestehen: für die Auswahl, für die Einordnung und dafür, dass die Rechte eingehalten wurden. Das ist eine Person mit Namen, kein System. Wer das festlegt, hat die wichtigste Frage beim Einsatz von KI bereits beantwortet.
Was bleibt von der Schere?
Die Schere ist verschwunden. Die Frage, was jemand heute wissen muss, ist geblieben, und beantwortet wird sie nach wie vor von Menschen. KI ist dabei Verstärkung und Ergänzung, so wie es die Schere, der Kopierer und die Datenbank auch waren. Wie wir den Pressespiegel heute aufbauen, zeigen wir auf der Seite zum Pressespiegel in auraNews (öffnet in neuem Tab).
Häufige Fragen
- Ersetzt KI die Redaktion beim Pressespiegel?
- Nein. KI kann Fleißarbeit übernehmen, etwa Dubletten erkennen, Themen und Tonalität vorschlagen, zusammenfassen und übersetzen, soweit die Nutzungsrechte das zulassen. Welche Beiträge in den Pressespiegel kommen, in welcher Reihenfolge und was fehlt, sollte weiterhin eine Redaktion entscheiden und verantworten.
- Darf man Presseartikel einfach mit KI zusammenfassen?
- Nicht ohne Weiteres. Zusammenfassen, Übersetzen und Analysieren mit KI sind eigene Nutzungen, die eine Lizenz ausdrücklich abdecken muss. Auch frei zugängliche Online-Texte sind nicht automatisch frei nutzbar, die gesetzliche Erlaubnis zum Text und Data Mining entfällt bei einem Nutzungsvorbehalt des Rechteinhabers. Maßgeblich sind im Einzelfall die jeweiligen Lizenzbedingungen.
- Was ist Schatten-KI?
- Schatten-KI meint KI-Werkzeuge, die Beschäftigte beruflich nutzen, obwohl der Arbeitgeber sie nicht bereitgestellt hat, etwa private Chatbot-Konten. Nach dem IW-Kurzbericht Nr. 63/2026 trifft das auf 29,1 Prozent der beruflichen KI-Nutzer zu, in Betrieben unter 50 Beschäftigten auf 33,5 Prozent. Nicht bereitgestellt heißt allerdings nicht automatisch verboten, manche Arbeitgeber dulden solche Werkzeuge ausdrücklich.
- Wie lässt sich Schatten-KI beim Pressespiegel vermeiden?
- Mit Verboten allein kaum. Wirksamer sind klare Regeln, welche Texte in welche Werkzeuge dürfen, ein bereitgestelltes Werkzeug, das sich an diese Regeln hält, und Schulung der Beschäftigten. Diese Hebel empfiehlt auch das Institut der deutschen Wirtschaft.
- Wie zuverlässig bewertet KI die Tonalität von Presseartikeln?
- Bei eindeutigen Texten oft gut, bei Ironie, versteckter Kritik oder distanzierten Zitaten deutlich schlechter. Die automatische Tonalitätsbewertung sollte deshalb ein Vorschlag bleiben, den Redakteure bei kritischer oder mehrdeutiger Berichterstattung prüfen und korrigieren können.
- Wer verantwortet einen Pressespiegel, der mit KI erstellt wird?
- Ein Mensch, nicht das System. Für Auswahl, Einordnung und die Einhaltung der Nutzungsrechte sollte eine namentlich benannte Person geradestehen. Das gilt unabhängig davon, wie viel Vorarbeit eine KI geleistet hat.
